pl@net: „Irgendwas mit Internet“

Cover der EA von pl@netAngefangen hat es mit einem Ende. Im August 1994 teilte die Verlagsleitung von ZD Deutschland der Redaktion mit, dass die aktuelle Ausgabe des „Windows Magazins“ die letzte sein würde. Von den rund 20 Redakteuren blieben drei: Alfons Schräder, Barbara Mooser und ich. Wir sollten uns an die Arbeit für ein „Consumer-Magazin machen, doch daraus wurde nichts. Alfons wechselte im Verlag zur „PC Professionell“ und ließ Barbara und mich in den leeren Büroräumen zurück.

Plötzlich hatten wir viel Zeit – und stellten fest, dass unser Netzwerk nicht nur eine Verbindung zu anderen Niederlassungen des Verlags, sondern auch zum Internet bot. Wir kannten das Netz bis dahin nur als Schlagwort und waren eher Mailboxen oder geschlossene Dienste wie CompuServe gewohnt. Das quicklebendige Treiben im Netz faszinierte uns mit seinem wilden Mischmasch aus Kommunikation, Klatsch und Kappes, und nach zwei Wochen war uns klar: Da kommt ein ziemlich dickes Ding auf uns zu, das die Art und Weise, wie wir mit Informationen aller Art umgehen, radikal verändern wird.

Was machen Redakteure, wenn sie auf dergleichen stoßen? Richtig, sie planen und konzipieren ein Magazin zum Thema. Den Anfang machte Mitte 1995 ein Sonderheft mit „1111 coolen Adressen“. Das war zwar nicht sonderlich originell, bot uns aber willkommene Gelegenheit, den lieben langen Tag ganz offiziell im Netz zu stöbern. Das Sonderheft war erfolgreich genug, um den Verlag davon zu überzeugen, dass man „irgendwas mit Internet“ als Periodikum herausbringen sollte. Das war die Geburtsstunde von „pl@net“.

Das heißt – nein, eigentlich noch nicht. Denn das, was später zu „pl@net“ wurde, sollte ursprünglich „NetLife“ heißen und das übliche Computermagazin mit dem üblichen Mix aus News, Tests, Technik, Tipps & Tricks sein. Nützlich, hilfreich und gut. Und bodenlos langweilig.

Während der Arbeit an dem geplanten Heft stellten wir allerdings fest, dass die gewohnten Strukturen beim Thema Internet nicht so recht greifen wollten. Auf die richtige Spur brachte uns eine Frage unseres amerikanischen Art-Directors Nick Pavkovic. Warum wir denn ein techniklastiges Heft produzieren wollten? Weil wir das immer so gemacht haben. Und warum dreht ihr das Heft nicht in Richtung Kultur und Gesellschaft? Weil – äh. Gute Frage. Als dann noch der Name „Planet“ gefunden wurde, war der Schritt zu „pl@net“ nicht mehr groß und wir mittendrin in einem verlegerischen Abenteuer.

Denn ein Abenteuer war es für alle Beteiligten. Wir brachen mit allen Regeln, nach denen bei ZD Hefte produziert wurden. Es gab keine Marktforschung, es gab keine Testnummern und es gab natürlich auch kein Budget, das seinen Namen verdient hätte. Dafür hatten wir etwas, was man in dieser Branche sehr selten hat: Große Freiheit. Da niemand – uns eingeschlossen – so recht wusste, was wir da eigentlich trieben, konnten wir machen, was wir wollten. Nick nutzte die Gelegenheit und zauberte uns ungewöhnliche, einfallsreiche und witzige Layouts. Unsere Layouterin Uschi Ferstl produzierte nicht nur Seiten, sondern knetete aus Fimo Figurensets zu verschiedenen Themen. Barbara und ich holten Themen ins Heft, die für ZD bis dato völlig undenkbar waren und sorgten dafür, dass niemand außer uns die Proofs und Probeausdrucke zu Gesicht bekam.

Die erste Ausgabe von „pl@net“ erschien im November 1995 mit Johnny Mnemonic auf dem Cover und sorgte für so viel Aufsehen, dass wir weitermachen durften. Was wir auch taten. Wir brachten Artikel über das Internet in China, ließen Karin Spaink über ihren Ärger mit Scientology berichten, machten uns über Medien und Politiker im Internet ebenso lustig wie über das, was ein paar Jahre später als „Internet-Bubble“ platzen sollte und überschrieben einen Artikel zu Flame-Wars mit „Lies mich, Du Sau!“ (was überraschenderweise für Aufregung, gar Empörung sorgte). Als wir ein Schwerpunktthema „Zensur“ mit einem nackten Mann auf dem Cover produzieren wollten, zuckte die Verlagsleitung zurück und stoppte uns. Auch andere Cover-Ideen – Weihnachtskalender, weißer Prägedruck, Braille-Schrift – wurden abgeblasen.

Je deutlicher dem Verlag bewusst wurde, dass „pl@net“ zwar „irgendwas mit Internet“, aber ganz bestimmt nicht das war, was man sich gedacht hatte, desto absehbarer wurde das Ende. Ein englischer Kollege steckte uns, das Heft sei für ZD-Verhältnisse „too critical, too political, too negative“, das Controlling wedelte ein ums andere Mal mit allerlei Berechnungen, und wir sollten endlich Geld verdienen. Das Heft sollte technischer werden, nützlicher – und langweiliger. Das wurde es auch, allerdings unter dem Namen „Internet Professionell“ und ohne uns. Nach zehn Ausgaben war für Barbara und mich das Abenteuer „pl@net“ im Januar 1997 vorbei.

Das „Windows Magazin“ erschien von Juni 1993 bis September 1994. Chefredakteur war bis April 1994 Ralph Fischer, für die Ausgaben Mai und Juni zeichnete der leitende Redakteur Richard Joerges verantwortlich, ab Juli 1994 übernahm Alfons Schräder die Chefredaktion. Barbara Mooser war Software-Redakteurin, ich war verantwortlich für den News-Teil.

„Consumer-Magazine“ waren Mitte der 90er-Jahre der große Hit, dauerhaft etablieren konnte sich allerdings keines der zahlreichen Objekte. Barbara und ich arbeiteten seinerzeit an verschiedenen Sonderheften wie „Familie & Computer“ mit, die über einen Achtungserfolg allerdings nicht hinauskamen.

Alle Niederlassungen von Ziff-Davis waren weltweit über Lotus Notes vernetzt. Als Mitarbeiter bekam man zudem eine MCI- und CompuServe-Adresse. Die Anbindung war für damalige Verhältnisse phänomenal, wenn ich mich richtig erinnere, hatten wie eine 2-MBit-Standleitung.

Das „Windows Magazin“ war mit einem sehr erfolgreichen und umsatzstarken Forum in CompuServe vertreten (das war noch die Zeit, in der man online Geld verdienen konnte). Wir diskutierten mit den Lesern, stellten Shareware zum Download bereit und veranstalteten regelmäßige Chat-Sessions mit Branchenvertretern und Lesern. Anstrengend, aber spaßig.

Der geplante Titel scheiterte an urheberrechtlichen Bedenken, gab es doch in den USA und in UK bereits ein gleichnamiges Heft.

Die mitunter zu lesende Vermutung, wir hätten uns „Wired“ zum Vorbild genommen, geht zumindest teilweise fehl. Natürlich kannten und bewunderten wir das Magazin und wurden von ihm beeinflusst, aber der mitunter missionarische und unbedingte Glaube an das „being digital“ befremdete uns. Entscheidender als „Wired“ war Nick, ohne dessen Layout und Anregungen „pl@net“ nie so geworden wäre, wie es wurde.

Der Name wurde vom Anzeigenverkäufer Thomas Prucker geprägt, der damit den intern ausgeschriebenen Wettbewerb gewann und, wenn ich mich richtig erinnere, eine Kiste Prosecco bekam.

Auslöser für die regelmäßigen Fimo-Seiten im Heft war der Wunsch der Verlagsleitung, irgendwie die Themen „Mode“ und „Lifestyle“ – und damit entsprechende Anzeigen – ins Heft zu kriegen. Angesichts unserer fehlenden Kontakte in diesem Bereich waren wir da ein wenig ratlos. Bis Uschi meinte: „Ach was, das knete ich euch“. Wir hielten das zuerst für einen Witz, bis sie eines Tage mit zauberhaften Figuren daherkam und wir eine neue Rubrik hatten.

„Es war (fast) der erste Text über China und das Internet; der erste erschien zwei Monate zuvor in einem Zeit-Special über das Netz. Selbst Wired kam erst ein halbes Jahr später. Weitere China-Artikel folgten im Winter 1997/98 […].“ (Werner Pluta, Autor des Artikels.)