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Dorothy L. Sayers24.8.2026
»Dorothy L. Sayers gilt«, so belehrt mich ein Klappentext, »als eine der größten englischen Kriminalautorinnen«. Ihre Figur des Lord Peter Wimsey, der gewissermaßen aus Jux & Dollerei und weil er nichts besseres zu tun hat (Aristokraten halt) hobbymäßig Morde aufklärt, sei einer »der berühmtesten Detektive der Kriminalliteratur«. Das ist zweifellos richtig. Sayers gilt, Wimsey ist.
In meiner Krimi-Phase (so zwischen 14 und 16) las ich meterweise Edgar Wallace, Conan Doyle, Agatha Christie & Co. An Sayers habe ich mich damals auch versucht, aber außer dem vagen Gefühl zäher Langeweile ist mir nichts in Erinnerung geblieben. Später stieß ich gelegentlich auf seltsam frömmelnde Zitate von ihr, erfuhr, dass sie eine der ersten Studentinnen Oxfords war, in einer Werbeagentur gearbeitet und neben Krimis auch Erbauliches für die Christenheit geschrieben hat.
Aber zu dem Zeitpunkt hatte ich schon längst Raymond Chandlers epochalen Essay ›Die simple Kunst des Mordes‹ gelesen und war für die »englische Schule« verloren. Ich las jetzt lieber Ambler, Chandler oder Hammett. Einzig Agatha Christie und Conan Doyle lese ich gelegentlich in sentimentalen Anwandlungen ganz gern, alles andere ist für mich ungenießbar geworden.
Ab und an überprüfe ich dieses Urteil und versuche es erneut. Vor einiger Zeit las ich Sayers’ ›Der Glockenschlag‹ (›The nine tailors‹, 1934), der als kunstvollster ihrer Romane gilt und im Nachwort von immerhin Walther Killy über den grünen Klee gelobt wird. Wird wohl stimmen, dass der Roman kunstvoll konstruiert und nach alten Glockenschlagpermutationen und obskuren liturgischen Vorschriften strukturiert ist. Das macht ihn vielleicht zu einem Puzzle, aber nicht zu lesbarer Literatur.
An die Lektüre habe ich kaum Erinnerungen, alles sehr blass, langweilig, unglaubwürdig und durch und durch retortenhaft. Keine der dort auftretende Figuren hat mich auch nur im entferntesten interessiert, entsprechend gleichgültig war es mir, wer, warum, wann und wie umgebracht wurde. Oder auch nicht.
Als ich das Buch aus dem Regal nahm, stellte ich verblüfft fest, dass da noch ein Sayers-Krimi steht: ›Die Akte Harrison‹ (›The documens in the case‹, 1930, ein Krimi, aber kein Wimsey-Roman), von dem ich nur noch weiß, dass ich ihn wohl gelesen habe.
Zuletzt probierte ich es noch einmal und las ihren ersten Wimsey-Roman ›Der Tote in der Badewanne‹ (›Whose Body‹, 1923). Dort beschreibt Sayers einen Detektiv – nicht Wimsey, sondern einen richtigen – folgendermaßen:
Parker saß in einem ältlichen, aber zärtlichen Lehnstuhl; die Füße stützte er auf den Kaminsims, während er seinen Geist mit einer modernen Deutung des Galaterbriefes entspannte.
So schlecht kann dieser Satz gar nicht übersetzt worden sein, dass er im Original-Ton¹ auch nur halbwegs akzeptabel klänge. Wäre der Roman nicht sehr kurz, hätte ich ihn bei diesem Satz endgültig weggeworfen.
Wenn Ihnen mal jemand vorschwärmt, wie grandios und geistreich die Wimsey-Krimis wären: Glauben Sie kein Wort. Die sind ein grauenhaft ödes Zeug, mit den grusligsten Dialogen, die Sie je gelesen haben. Verschwenden Sie damit nicht Ihre Zeit. Reicht doch, dass ich es getan habe.
¹ Ah, beim Project Gutenberg gibt’s das Original: »Parker was sitting in an elderly but affectionate armchair, with his feet on the mantelpiece, relaxing his mind with a modern commentary on the Epistle to the Galatians.«