Giesbert Damaschke

damaschke.de

Strindberg29.8.2026

Es gibt da ein lustiges Gedicht von Robert Gernhard, ›Ein Sonntagnachmittag bei Strindbergs‹, das aus acht zweizeiligen Strophen besteht und so beginnt:

Wahnsinn, Schreie, wildes Fluchen:
»August, da ist Gift im Kuchen«

Irrsinn, Funkeln, Widerwort:
»Harriet, iß jetzt deine Torte«

Und so weiter, bis:

Aufschaun, Aufstehn, bleiche Rufer:
»Schaut, da ringt ein Paar am Ufer!«

Stutzen, Setzen, leises Lachen:
»Ach, die Strindbergs! Weitermachen!«

Ich habe von August Strindberg bislang zwar erst zwei Stücke gelesen, aber Gernhard trifft es wohl sehr genau.

Die Gespenstersonate (1907)

In der ›Gespenstersonate‹ ist alles schwerstsymbolisch mit grotesken bzw. absurden Zügen – und alles doch sehr in die Jahre gekommen. Keine Person im Stück ist die, die sie zu sein scheint, bis auf den »Studenten«, der mit der nunja Verlogenheit der bürgerlichen Gesellschaft konfrontiert wird.

Es gibt zwar eine Art Handlung, aber um die geht es nicht, da entwickelt sich auch nichts, das ist alles ziemlich statisch und die einzelnen Situationen dienen anscheinend nur dazu, dass sich die Personen (die zwar im Stück Namen tragen, im Theaterzettel aber nur als Typen auftauchen: Der Alte, das Mädchen, der Student, der Oberst, der Tote, die Mumie …) allerlei um die Ohren hauen. D.h. – »hauen« ist schon viel zu engagiert, die reden alle eher sehr schlaff vor sich hin, ihr Leben entpuppt sich als Lüge, die Herrschaften sind die Gefangenen ihrer Bediensteten usw. Es ist alles dabei: Betrug, Mord, Selbstmord, Tod, Vergewaltigung etc. Die verschiedenen Verbrechen und Lügen kommen so nach und nach raus, dann legen sich die Figuren hin und sterben, was als völlig normal hingenommen wird.

Wir lernen: Das Leben der Bürger ist durch und durch auf Lügen aufgebaut und von »Leben« kann man da gar nicht reden, das sind alles nur Gespenster, Gefangene, Getriebene, alles hoffnungslos –– naja, und so weiter halt.

Ich weiß nicht, wie das heute inszeniert wird (das Stück gehört wohl zum Repertoire), aber ich fürchte, ich würde angesichts des völlig abstrusten Geschehens mir ein Lachen nicht verkneifen können. Und dass man heute noch mit dem gut abgehangenen Ladenhüter »Lebenslüge!« irgendwas reißen kann, glaube ich nicht.

Der Pelikan (1908)

Auch ›Der Pelikan‹ (1908) ist ein kurzer 3-Akter, den man in einer Stunde gelesen hat – und das ist schon fast das Beste, was ich über das Stück zu sagen weiß. Es ist halt das übliche: Das Bürgertum ist durch und durch verlogen, alle Lebenszusammenhänge sind pervertiert, alles ist lebensverhindernd, das Personal ist lebensunfähig usw.

Der Titel ist eine Anspielung auf die bekannte frühchristliche Ikonographie: Der Pelikan füttert seine Jungen mit seinem eigenen Blut. Das bezieht sich im Stück auf die Mutter, die natürlich genau das nicht, sondern das glatte Gegenteil tut: sie lebt, in jeder nur denkbaren Bedeutung, auf Kosten ihrer Kinder.

Es ist ermüdend platt und mit dem Holzhammer geschrieben. Vielleicht bin ich mit Mitte 60 auch einfach zu alt für solche Stücke, ich könnte mir vorstellen, dass sie mich in jungen Jahren vielleicht beeindruckt hätten.